Frühling auf dem Teller: Wie China den Jahreswechsel feiert

Chungfen in China

Frühling auf dem Teller: Wie China den Jahreswechsel feiert

Ein besonderer Tag im Frühling

Heute, am 20. März, ist astronomischer Frühlingsanfang – Tag und Nacht sind exakt gleich lang. Das kennen wir auch in Europa als Frühlings-Tagundnachtgleiche. In China heißt dieser Tag Chunfen und gehört zu einem System von 24 Jahreszeiten-Knotenpunkten, das vor über zweitausend Jahren entwickelt wurde – eine Art Naturkalender, der nicht nach dem Mond oder der Sonne allein tickt, sondern nach dem, was draußen tatsächlich passiert: welche Vögel zurückkehren, welche Blumen aufgehen, ob es donnert.

In diesem Jahr fällt Chunfen zufällig mit einem weiteren Feiertag zusammen: dem „Tag des erwachenden Drachen“, dem zweiten Tag des zweiten chinesischen Mondmonats. Das passiert so selten, dass es im gesamten 21. Jahrhundert nur dreimal vorkommt. In der Volksüberlieferung gilt der Drache als Regenbringer – sein symbolisches Erwachen markiert den Beginn der Anbausaison. Für viele Chinesen ist das eine gute Gelegenheit, innezuhalten und den Frühling bewusst zu begrüßen.

Was die Natur ankündigt – der alte Wetterkalender

Die chinesische Agrartradition teilte die Zeit rund um Chunfen in drei kurze Phasen ein und beschrieb jeweils ein typisches Naturphänomen – eine Art Beobachtungsprotokoll aus vorwissenschaftlicher Zeit, das erstaunlich präzise ist.

Schwalben kehren zurück. Die ersten Zugvögel aus dem Süden gelten als verlässliches Zeichen: Es ist wirklich Frühling. Für Bauern war das einst wichtige Information.

Erster Donner des Jahres. Mit steigender Temperatur und Luftfeuchtigkeit kommen die ersten Gewitter. In der traditionellen chinesischen Naturkunde galt Donner als Zeichen, dass die Frühlingskraft zunimmt.

Erste Blitze. Häufigere Gewitter bedeuten mehr Regen – die Erde wird gewässert, alles wächst schneller. Kein Mysterium, sondern Wetterbeobachtung in poetischer Sprache.

Parallel dazu beschrieben die Alten, welche Blüten in welcher Reihenfolge aufgehen: erst die Zierkirsche, dann Birnen-, dann Magnolienblüten. Ein lebendiger Kalender, ablesbar ohne Uhr und Datum.

Den Frühling essen – eine alte Idee mit Vernunft dahinter

Hier wird es kulturell besonders interessant. In China gibt es den Grundsatz: Iss, was gerade reif ist – und nichts anderes. Diese Idee, auf Saisonales zu setzen, klingt heute modern, ist in China aber seit Jahrtausenden Teil des Alltags. Schon im „Buch der Lieder“, einer der ältesten Gedichtsammlungen der Welt (ca. 1000–600 v. Chr.), wird beschrieben, wie Menschen im Frühling Wildkräuter sammeln.

Der Gedanke dahinter ist praktisch, nicht mystisch: Frisches, saisonales Gemüse schmeckt besser, ist nährstoffreicher und kostet weniger. Was im Frühling sprießt, kam damals direkt vom Feld oder aus der Natur – keine Kühlkette, kein Transport aus dem Ausland.

Was auf den Tisch kommt

Hirtentäschel – das unscheinbare Wildkraut, das auch auf deutschen Wiesen wächst, hat in China kulinarische Tradition. Es ist das erste Kraut des Jahres, mild-süßlich im Geschmack, und wurde traditionell zu Suppe oder Füllung verarbeitet. Schon im „Buch der Lieder“ wurde es für seinen Geschmack gelobt.

Bambussprossen galten als die Delikatesse des Frühlings schlechthin. Der Dichter und Genussmensch Su Dongpo schrieb im 11. Jahrhundert – halb klagend, halb humorvoll – über seine Verbannung: Fleisch konnte er sich kaum leisten, also kochte er Bambussprossen. Daraus entwickelte er ein geschmortes Gericht mit Schweinefleisch, das bis heute in der chinesischen Küche bekannt ist. Seine Botschaft war einfach: Aus dem, was die Saison bietet, lässt sich etwas Gutes machen.

Grüne Reisklöße – wer schon einmal in einem asiatischen Supermarkt die leuchtend grünen Klöße gesehen hat, kennt das Ergebnis. Die Farbe stammt aus dem Saft von Beifuß oder Giersch, der in Reismeigteig (oder Reisteig) gemischt wird. Gefüllt werden sie mit Bohnenpaste oder Sesam. Was in der Song-Dynastie (10.–13. Jh.) als Frühlingsgebäck begann, ist heute ein festes Symbol des Qingming-Festes – dem chinesischen Pendant zu Allerheiligen, bei dem der Ahnen gedacht wird.

Chinesische Zedernblätter sind in Europa kaum bekannt, aber in China eine echte Saisonattraktion: Die jungen Triebe dieses Baumes sind nur wenige Wochen im Frühling genießbar, bevor sie zu bitter und zäh werden. Ihr Aroma ist intensiv und unverwechselbar – wer es einmal probiert hat, erinnert sich daran. Früher waren sie so begehrt und selten, dass es hieß: „Ein Liang Zeder, ein Liang Silber“ – also so teuer wie Gold. (1 Liang in etwas 50 g)

Feste Gerichte, lustige Namen

Am „Tag des erwachenden Drachen“ isst man traditionell Speisen, deren Namen spielerisch auf den Drachen verweisen: Teigtaschen heißen „Drachenohren“, Nudeln „Drachenbärte“, Wan-Tan-Suppe „Drachenaugen“ und flache Fladenbrote mit rautenförmigem Muster „Drachenschuppenbrot“. Das klingt verspielter als es ist: Es geht schlicht darum, den Übergang der Jahreszeit bewusst zu markieren – mit dem, was man isst.

Was bleibt

Der rote Faden hinter allem ist eigentlich simpel: Wer aufmerksam mit den Jahreszeiten lebt – wer merkt, wann die ersten Zugvögel auftauchen, wann es zum ersten Mal donnert, welches Gemüse jetzt gerade am besten schmeckt – der hat ein anderes Verhältnis zur Zeit. Nicht spirituell, sondern aufmerksam.

Die chinesische Idee, den Frühling nicht nur zu sehen, sondern ihn buchstäblich zu kosten, ist letztlich eine sehr bodenständige Form von Naturverbundenheit. Und das Prinzip lässt sich überall anwenden – auch auf dem Kölner Wochenmarkt, wenn gerade die ersten Bärlauchbündel auftauchen.

In diesem Sinne, alles Liebe und alles Gute für Ihre Gesundheit. Ihre Sabine Schmitz

Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin und Akupunktur in Köln