20 Apr. Gǔyǔ – Das Fest des Kornregens
Gǔyǔ – Das Fest des Kornregens
Der sechste Solarterm des chinesischen Kalenders und das Ende des Frühlings
20. April – 5. Mai 2025 · Gesundheit & Tradition
Heute, am 20. April, beginnt Gǔyǔ (谷雨) – der sechste Solarterm im traditionellen chinesischen Kalender und zugleich der letzte des Frühlings. Sein Name lässt sich mit „Kornregen“ übersetzen und geht auf ein altes chinesisches Sprichwort zurück: „Regen nährt das Wachstum von hundert Körnern.“ Bis zum 5. Mai dauert diese besondere Übergangszeit an – eine Phase, in der die Natur aufblüht, die Temperaturen rasch steigen und die Regenmenge zunimmt.
Der Gǔyǔ markiert das Ende der Kältewellen und läutet eine Zeit ein, in der die Landwirtschaft in den Vordergrund rückt. In der chinesischen Tradition ist dieser Solarterm eng mit dem Leben auf dem Land verbunden: Wer sät, muss jetzt handeln – denn die feuchte, warme Erde ist bereit für die wichtigsten Frühjahrsaussaaten.
„Kein Schnee mehr nach Qingming, kein Frost mehr nach Gǔyǔ.“ – Altes chinesisches Sprichwort
Die drei Naturzeichen des Kornregens
Im alten China wurde jeder Solarterm in drei Fünf-Tage-Abschnitte, sogenannte Hóu, unterteilt. Jeder Abschnitt trägt ein charakteristisches Naturzeichen, anhand dessen die Menschen den Fortschritt der Jahreszeit ablesen konnten.
- ABSCHNITT
Wasserlinsen sprießen (一候萍始生)
Durch den zunehmenden Regen beginnen Wasserlinsen auf Teichen und Seen rasant zu wachsen – ein erstes sichtbares Zeichen der Fülle. In wenigen Tagen bedecken sie die Wasseroberflechen und kündigen damit die neue Saison an.
- ABSCHNITT
Der Kuckuck ruft (二候鸣鸠拂其羽)
Der Kuckuck schüttelt sein Gefieder und beginnt zu singen. Das chinesische Wort für Kuckuck, bùgǔ (布谷), klingt fast wie bògǔ (播谷), was „Korn säen“ bedeutet – eine klangliche Erinnerung daran, dass die Menschen die günstige Pflanzzeit nicht verpassen sollen.
- ABSCHNITT
Wiedehopf im Maulbeerbaum (三候戴胜降于桑)
Der Wiedehopf erscheint in den Maulbeerbaumen – ein Signal, dass die Seidenraupen bald heranwachsen und die Seidenernte beginnt. Ein Zeichen, das Bauern und Weber gleichermaßen aufhorchen ließ.
Was man essen sollte
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) empfiehlt während der Gǔyǔ-Zeit, auf die Gesundheit von Milz und Leber zu achten. Die steigende Luftfeuchtigkeit kann Feuchtigkeit im Körper ansammeln lassen – deshalb gilt: leichte, milde Speisen bevorzugen, saure Nahrungsmittel reduzieren, und die Portionsgrößen – vor allem abends – bewusst klein halten. Stattdessen sind saisonale Gemüse die erste Wahl, wie Chinesische Tuja, Spinat und Hirtentäschelkraut.
Tofu mit Chinesischer Tuja (香椅豆腐)
Das zarte Frühllingsgrün der Chinesischen Tuja ist während Gǔyǔ besonders gefragt. Die jungen Blätter sind seidenartig weich, aromatisch und stärken das Immunsystem. Klassisch zubereitet wird sie mit Tofu – ein leichtes, reinigendes Gericht mit der Wirkung, Hitze auszuleiten und zu entgiften.
Zutaten:
- Chinesische-Tuja-Knospen
- Tofu
- Salz, Sesamöl, Sojasauce, Reisessig
Zubereitung:
- Die Tuja-Knospen mit etwas Salz kurz blanchieren.
- Abkühlen lassen und fein hacken.
- Mit dem Tofu vermengen und mit Salz, Sesamöl, Sojasauce und Essig abschmecken.
Frühlingsnudeln mit Frühlingszwiebeln (葱油面)
Ein klassisch einfaches Wohlfühlgericht: chinesische Weizennudeln mit heißem Öl, frischen Frühlingszwiebeln und einer Würzmischung aus heller und dunkler Sojasauce. Das Rezept stärkt Milz und Darm.
Zutaten:
- Frühlingszwiebeln 25 g
- Chinesische Weizennudeln 150 g
- 1/3 Tasse Pflanzenöl
- Je 1/2 EL helle und dunkle Sojasauce
- Optional: 1/2 EL Lao Gan Ma Chilisoße
Zubereitung:
- Nudeln in heißem Wasser al dente kochen (ca. 2 Minuten).
- Frühlingszwiebeln in kleine Stücke schneiden und über die Nudeln geben.
- Sojasauce hinzufügen, dann das heiße Öl daruübergießen und alles leicht schwenken.
Frühlings-Teetrinken als Ritual
In Südchina gibt es den schönen Brauch, am Tag des Gǔyǔ frisch geernteten Frühlingstee zu trinken. Dieser Tee ist reich an Vitaminen und Aminosäuren, wirkt kühlend auf den Körper und gilt als besonders wohltuend für Leber und Augen. Der Volksmund sagt außerdem: Wer an diesem Tag Tee trinkt, ist vor Unglück geschützt.
Körper und Wohlbefinden pflegen
So verlockend der Frühling mit seinen Blüten auch ist – Menschen mit Allergien sollten bei Gǔyǔ vorsichtig sein. Die Luft ist voll von Pollen was Heuschnupfen, allergische Rhinitis oder Asthma auslösen kann. Weniger Ausflüge ins Freie, leichtere Kost und moderate Bewegung zu Hause sind empfehlenswert.
Yijin Jing – das klassische Qigong (易筋经)
Eine besonders empfohlene Praxis in dieser Zeit ist die Yijin Jing-Übungsreihe – ein altes chinesisches Qigong-System, das wörtlich übersetzt „Klassische Übung zur Verwandlung von Muskeln und Sehnen“ bedeutet. Die Übungen verbinden Atemkontrolle mit ruhiger Körperbewegung und sollen:
- Muskeln und Sehnen kräftigen
- Den Energiefluss (Qi) verbessern
- Meridiane harmonisieren
- Chronische Schmerzen, Rückenbeschwerden und Bluthochdruck reduzieren
- Schlafqualität, Balance und Haltung verbessern
Akupressur für die Übergangszeit
Ergänzend empfiehlt die chinesische Medizin eine Akupressur an drei spezifischen Punkten: Qimen (LR14), Yinlingquan (SP9) und Sanyinjiao (SP6). Täglich 2–3 Mal für je 5–10 Minuten sanft massiert, sollen diese Punkte den Fluss von Qi und Blut in Leber- und Milzmeridian harmonisieren und übermäßiger Feuchtigkeit im Körper entgegenwirken.
Gǔyǔ ist mehr als ein Kalendereintrag – es ist eine Einladung, innezuhalten, die Natur zu beobachten und den eigenen Körper mit der Jahreszeit in Einklang zu bringen.
Der Kornregen erinnert uns daran, dass gutes Wachstum – ob in der Natur oder in uns selbst – Pflege, das richtige Timing und die nötige Feuchtigkeit braucht. Ein Gedanke, der in seiner Schlichtheit zeitlos ist.
In diesem Sinne, alles Gute für Ihre Gesundheit. Ihre Sabine Schmitz
Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin und Akupunktur in Köln